Der Wert eines Trauredners

Ein Wort vorab

Zur freien Trauung allg.

  1. Freie Trauung, eine Alternative?
  2. Verwechslungsgefahr! Eine Hochzeit – Zwei Rollen
  3. Ablauf einer freien Trauung (allg.)
  4. Sitzordnung
  5. Technik
  6. Musiker, Playlist, oder selber singen?
  7. Deko, Traubogen, Blumen, usw.
  8. Mehrsprachigkeit
  9. Dauer einer freien Trauung
  10. Der Wert eines Trauredners
  11. Das bin ich: Euer Trauredner Eike
  12. Warum hast Du die Albe an?
  13. Was ich noch sagen will …

Die freie Trauung: Das Ritual

  1. Einzug: Eine Wissenschaft für sich
  2. Begrüßung/Eröffnung
  3. Trauansprache
  4. Die Trauung I: Das (Verbindungs-) Ritual
    Trauversprechen, Traufrage, Antwort & Bestätigung
  5. Die Trauung II: Bestätigungsrituale
    Brautkuss, Ringe, (Segen)
  6. Die Trauung III: Besondere Rituale
    Passendes & Unpassendes
  7. Abschluss: Ruhig oder Vollgas?
    Der Auszug
  8. Was ich noch sagen will …

Freie Trauung (auf Mallorca) feiern –
Der Wert eines Trauredners

Trauredner sein, dass ist ein wirklich ambivalenter Job. Das kann ich Euch sagen. Er scheint zwar für viele der aller wichtigste Dienstleister zu sein, aber wenn er erst ne halbe Stunde später kann, als ihr Euch das wünscht, dann kommt es nicht selten vor, dass Brautpaare sich lieber für einen anderen Entscheiden. Ja ein Trauredner ist wichtig, aber nicht wichtiger als die Uhrzeit.

Aus der Tradition gesehen, übernimmt heute eine Freier Redner den Job, den früher der Pfarrer inne hatte. Und ein Dorfpfarrer kam in der Lokalhierarchie immerhin an erster Stelle. Neben Dorflehrer und Doktor. Nur sind wir im 21. Jh. angekommen. Es gibt kaum noch Dorfhierarchien, Kirchen sterben aus und der Freie Redner bekommt daher zwar noch ein bisschen Schein vom Nimbus seines Ahnens ab, aber mehr auch nicht.

Entsprechend verliert auch die Freie Trauung an Bedeutung, in der Gesamtschau einer Hochzeit. Die Trauung wird schnell zum Auftakt für die Hochzeits-Party degradiert, für Weddingplaner auf jeden Fall. Auch wenn eine Freie Trauung ganz offensichtlich nicht Kirche und nicht Standesamt ist, plädiere ich dennoch für ihren ganz eigenen und bedeutsamen Wert. Ein Wert, in der Beziehungsgeschichte von Euch als Brautpaar. Ein Wert, ganz aus sich heraus, als spirituelles Ereignis. Ein Wert, in dem ihr so, wie niemals wieder Eure Liebe, Eure Entscheidung  füreinander und Eure Beziehung feiert. Ich finde, dass sind schon eine Menge Werte um darauf zu achten, dass auch die Zeremonie mehr als nur Auftakt zur Party wird, eben ihren ganz eigen, besonderen Stellenwert im Rahmen Eurer Hochzeit bekommen darf.

Die Aufgabe des Trauredners

Da der Freie Redner zwar in die Fußstapfen seines „kirchlichen Ahnen“ tritt, es aber nicht ist, kann es ein bisschen konfus werden, was so seinen Job angeht. Was ist denn nun der Job des Trauredners?

Viele Freie Redner die ich erlebt habe, scheinen zu viel amerikanische Filme geschaut zu haben. Es scheint, als ob sich diese am Job des „Friedensrichters“ orientieren, als Showmaster verstehen, oder als Märchenonkel/-Tante, die die Beziehungsgeschichte des Brautpaares zu rezitieren hätten. So gesehen ist der Job eines Trauredner austauschbar. Das kann auch Tante Erna. Ein guter TraurednerIn ist das nicht!

Bodenhaftung & Perspektive

Meiner Meinung nach hat ein Trauredner gleich mehrere Aufgaben. Die wichtigste zu erst: (1) Er muss die Zeremonie leiten. Eine Zeremonie, die für Euch in Eurer Beziehungsgeschichte einmalig sein wird. Eine Zeremonie, die sich einzig und alleine darum dreht, dass ihr innerhalb dieser dreiviertel Stunde Euch ein Versprechen geben könnt, dass an Tragweite und Bedeutung für Euch als Paar kaum zu überbieten ist. Das ist der Kern einer Freien Trauung – und das muss auch klar sein, dass muss durchkommen. Dafür steht Euer freier Liturg. Das hat er verinnerlicht. Das lebt er. Friedensrichter, Showmaster, oder Märchenonkel spielen reicht da nicht aus. Meiner Meinung nach.

(2) Er muss das Ritual verstehen und inhaltlich ausgestalten. Eine Freie Trauung, ganz egal wie frei man sie auch gestalten mag, wird immer daran erinnern, wie Hochzeit als spirituelles Ritual sich einmal entwickelt hat und warum. Sonst wäre es ein bisschen so, wie wenn ein Inder sich zu Ostern ein Weihnachtsbaum aufstellt und mit dem Ramadan beginnt. Alles in einer Freien Trauung spiegelt Eure Beziehung in ihren unterschiedlichen Facetten & Phasen wieder. Und so will sie auch inhaltlich ausgestaltet werden. Sonst kann eine Freie Trauung schnell belanglos werden und wirklich zum Entré für die Party degenerieren.

Ein guter TraurednerIn ist nicht zu ersetzen

(3) er muss Euch mitnehmen und den Raum halten: Als Brautpaar seit ihr an Eurer Trauung – nervlich gesehen – nicht ganz zurechnungsfähig. Euer Puls ist bei 160, es wäre unmöglich, eloquent und selbständig sich da ganz alleine durch die Zeremonie zu manövrieren. Das ist der Job Eures Trauredner.

Er nimmt Euch an die Hand, führt Euch Schritt um Schritt durch alle Etappen der Trauung, gibt Euch die Sicherheit zurück, die Euch in diesen Moment sicher fehlen wird und macht vor allem eines: Er hält den Raum für Euch, damit ihr Euch so begegnen könnt, Euch das sagen könnt und so aufeinander fokussieren könnt, wie ihr das möchtet. Dazu gehört Erfahrung, Profession(alität), das Herz am rechten Fleck und vor allem Weitblick und psychologisches Verständnis.

(4) er macht Stimmung & stimmt ein: Nichts ist so psychoaktiv wie Sprache (und Musik). Das richtige Wort, zur rechten Zeit, mit entsprechendem Ausdruck kann alles verändern: verändert auf was ihr Fokussiert, welche Realität für Euch entsteht, was ihr fühlt und welche Bedürfnisse präsenter werden und Raum nehmen.

Auch eine Trauung hat eine innere Dynamik, hat eine innere Dramaturgie. Man könnte sie z.B. hoch-festlich beginnen – hätte dann aber nur wenig Spielraum einen Höhepunkt zu formen. Man kann sie bierernst und klerikal gestalten – aber was ist schon (er)Leben, ohne einmal zu lachen, ohne Gänsehaut, ohne ein Tränchen? Alles hat seinen Platz und braucht seinen Platz. Das Lachen, das Sinnieren, das Ergriffen sein, das in sich gehen. Und alles zur rechten Zeit. Dann wird es ein Erlebnis.

(5) er hält zusammen und lässt Euch ziehen: Eine Gruppe unter einen Hut zu bekommen, ist gar keine so leichte Sache. Ein guter Trauredner liest ja nicht nur einfach seine Zeilen von einem Blatt ab. Nein! Er versucht Euch und die Gruppe Eurer Gäste einzubeziehen, mitzunehmen, eben unter einen Gut zu bekommen. Alles sollen auf ihre Art sich eingeladen und mitgenommen fühlen. So fühlen können und teilhaben dürfen, an dem, was ihr als Brautpaar erlebt. Das macht Energie. Eine ganz unglaubliche, ganz eigene Energie die Euch zusammenschweißt, mit allen, die Euch in diesem Moment begleiten.

Aber es muss auch die Zeit kommen, in dem man den Gut lüftet, ihn in die Ecke schmeißt und die Party starten kann. Euch Euren Gästen, Freunden und Familie wieder zurückzugeben, ist genau so wichtig, wie der Schritt zu vor. Alles hat eben einen Anfang – und auch ein Ende. Genauso auch die Trauung.

(6) er teilt mit Euch ein Stückchen Leben: … ohne sich eine Scheibe davon abzuschneiden. Trauredner sind eben eines nicht: Showmaster. Sie brauchen keinen Raum. Sie nehmen sich nicht das Rampenlicht. Sie tun alles dafür, damit ihr strahlen könnt. Zwar nicht ganz so zurückhaltend, ok., aber niemals aufdringlich. Wir Trauredner sind der „wichtigste-unwichtigste Dienstleister“ einer Trauung. Wichtig – aus den vorangehenden Gründen. „Unwichtig“: Weil es bei der Freien Trauung ausschließlich um Euch Beide geht. Um Eure Liebe. Um Eure Entscheidung für ein Leben. Wolltet ihr das anders erleben – solltet ihr besser kirchlich heiraten.

Tante Erna

Und, was meint ihr? Kann Tante Erna aus Reihe vier diesen Job übernehmen? Oder sollten ein guter Freund das machen? Ich meine: Ja. Das kann funktionieren. Kommt ganz auf Tante Erna an, oder Euren Freund. Eines ist aber sicher: Ein Trauredner kann das auf jeden Fall. Das ist unser Job – und wir haben in der Regel viel Erfahrung damit. Freunde oder Bekannte können sicher persönliche Worte finden, aber auch das Ritual leiten? Tante Erna kann sicher Euch die Frage aller Fragen stellen, aber kann sie auch den Raum halten? Auch die Mama kann sicher mit Euch Trauung feiern, aber wollt ihr von der Schwiegermama verheiratet werden, nur weil sie vielleicht eine Schauspielausbildung hat?

Ich bin fest der Überzeugung, einen guten Trauredner kann man nicht ersetzen. Wenn ihr aber an so nen kopierten Friedensrichter geratet – dann gebt den Job lieber ganz schnell an Tante Erna weiter.

Fazit

Ihr merkt, ich bin ein bisschen Bissig, mit einer gehörigen Portion Selbstkritik, was den Job des „Freien Redners“ oder Trauredners angeht. Immerhin ist das eine Berufsbezeichnung, die es so lange noch gar nicht gibt und die sich sicherlich an vielen Punkten erst selbst noch finden und definieren lernen muss.

Ein Schuss „Dorfältester“, eine Priese „Schamane“, gut durchmischt mit viel „psychologischem Sachverstand“ und der Liebe zu „Übergangs- & Lebensritualen“  – das wäre aktuell so eine Kombi, wie ich mir den idealen „Freien Liturg“ vorstelle. Ein Ideal, an dem ich selber noch wachse. Mit jeder Trauung mehr.